Erzählungen

Buchenwald oder Marienfelde - Gedanken am Wochenende der 15. KW 2013

Die 15. Kalenderwoche 2013 (8.-13.April ) bot m. E. einige bemerkenswerte Ereignisse. Wenn man im größeren Rahmen denkt, dann erscheinen Zusammenhänge wie eine Perlenschnur- von der "Personalpolitik" Adenauers beim Einsatz von hochrangigen Nazis in höchsten Regierungsstellen der BRD, der Verschleppung von Ermittlungen bei eindeutig rassistischen Verbrechen heute, einer erschütternden Mordserie des sog. "NSU" Morden bis zum höchst befremdlichen Zögern der Bundesregierung beim Verbotsantrag gegen die NPD...

Zurück zur "15. Kalenderwoche 2013": Da war zunächst die Gedenkfeier zur 68. Wiederkehr der Befreiung des KZ Buchenwald im April 1945 durch US- amerikanische Verbände. Von 1937 bis zum 11. April 1945 bestand auf dem Ettersberg bei Weimar das Nazi- Konzentrationslager Buchenwald, in dem über 250.000 Menschen aus fast 50 Nationen inhaftiert waren. Ca. 56.000 Menschen starben durch die mörderischen Arbeits- und Lebensbedingungen oder wurden von der SS ermordet.1958 wurden die erhaltenen Bereiche des ehemaligen Lagers als Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald eingeweiht, zusammen mit der Skulpturengruppe von Bildhauer W. Cremer vor dem Glockenturm der Gedenkanlage.Es ist bleibendes Verdienst der DDR, das erste deutsche Denkmal für die Opfer des Faschismus geschaffen zu haben.

 

Diese Gedenkfeier war die erste derartige Gedenk- und Mahnveranstaltung zu den Verbrechen in den faschistischen KZ im  Jahre 2013, ihr sollten weitere in den KZ Sachsenhausen, Ravensbrück , Bergen- Belsen  und anderen folgen, Lager, die 1945 erst später befreit wurden. Aber  Buchenwald hat besonders für viele Ostdeutsche Symbolcharakter, die Aktion war daher mehr als ein Auftakt für eine Reihe Mahn- und Aktionsveranstaltung gegen den Neofaschismus in Deutschland!

An der diesjährigen Gedenkfeier auf dem Ettersberg bei Weimar nahmen  99 ehemalige Häftlinge, betagte Bürger aus verschiedenen Staaten, sowie viele Menschen - Vertreter von zwei bzw. drei jüngeren Generationen teil. Ihnen war es ein tiefes Anliegen, mit Ihrer Teilnahme neben dem ehrenden Gedenken an die zahllosen Opfer des deutschen Faschismus vor allem ihrem aktuellen Widerstand zu jeder Art nationalsozialistischer  Aktivitäten öffentlich Ausdruck zu verleihen, heute - fast sieben Jahrzehnte nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus in Deutschland ! Seitens der Politik nahm als ranghöchster Repräsentant die Ministerpräsidentin Thüringens Frau Lieberknecht an der Gedenkveranstaltung teil. In der zentralen medienwirksamen Berichterstattung widmete der MDR- das regionale Fernsehprogramm "Mitteldeutschlands"- ca. 1 Sendeminute diesem Ereignis, für die zentralen öffentlich- rechtlichen TV- Programme war das Ereignis gerade mal eine Randnotiz wert, man braucht ja jede Menge Sendezeit, um das (Fehl-) Verhalten der Münchner Justiz im sogenannten NSU-  Prozess zu kommentieren,  Fußball- Nachrichten und Börsendaten zu senden.

 

Meine Gedanken flogen in den Sekunden der TV- Bilder von Buchenwald zurück in die Kinderjahre. Von 1948 bis 1952 waren meine Eltern regelmäßig Teilnehmer von Gedenkveranstaltungen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), unter Tausenden von Teilnehmern. Ihren Sohn nahmen sie schon frühzeitig mit. Bis heute sind mir nicht nur die wenigen Erzählungen meines Onkels in Erinnerungen, der 11 Jahre Häftling in KZ der Nazis, vorrangig in Mauthausen und Mitautor eines Buches darüber war (*), oder die Berichte meiner Eltern zu ihrer Zeit in Nazi- Haft. Vor allem haben sich die Erinnerungen von den damaligen Gedenkfeiern vom Gelände am Fuße des Ettersberg tief ins kindliche Gedächtnis gegraben - Erzählungen von Überlebenden über die grauenhaften Verbrechen der SS und das Bild vom gewaltigen Erd-Trichter unweit des späteren Mahnmals, wo jahrelang die sterblichen Überreste der Ermordeten aus den Krematorien des KZ verscharrt worden waren, der noch heute als Teil der Anlage mahnt !

Nach 1958 besuchte unsere Familie mit den Kindern mehrfach die Gedenkstätte, darunter die sog. Effektenkammer, Ort des Widerstandes und der Humanität, des Ringens einer Gruppe von Häftlingen unter Lebensgefahr um das Leben eines kleinen polnischen Jungen (**) und vieler Mithäftlinge, den  Appellplatz des Lagers mit seinen grauenhaften öffentlichen Folter- und Hinrichtungsstätten, die Stätte der Ermordung E. Thälmanns, ... .

Schulkinder und Jugendliche der gesamten DDR wurden dort bis 1989 mit den abscheulichen Verbrechen an Menschen aus ganz Europa und der Ideologie des Faschismus bekannt gemacht...! Wer sich z.B. heute über derartige Fahrten und Besuche  abfällig äußert ("Drill, Zwang.." ), sollte wohl anstatt seiner subjektiven Ablehnung des DDR- Staatssystems über seine Position zum Faschismus nachdenken, ganz aktuell!         

Nein, ich möchte jetzt nicht zur Vorbereitung des  sog. NSU-Gerichtsprozess kommen. Vielmehr war für mich bemerkenswert, dass der 60. Jahrestag der Schaffung des "Auffanglagers" Marienfelde für DDR-Flüchtlinge der Anlass für unübersehbar dominante Schlagzeilen und TV- Minuten war. Nun, das war ja schon programmiert durch die Wertung, die der Bundespräsident J. Gauck mit seinem Besuch der inszenierten Feierlichkeiten diesem Ereignis einräumte.

Man ist auch heute, im dritten Jahrzehnt nach dem „Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland“  gemäß ehemaligem Artikel 23 GG  offenbar noch der Meinung, dass es politisch besonders zu würdigen ist, dass die BRD alles tat, um für den Übertritt in die "neue Welt" von ca. 4 Millionen DDR- Bürger, die ihr Wohl und ihre persönliche Perspektive im Gefüge der freien Marktwirtschaft suchten, hohe materielle und verwaltungsorganisatorische Anreize zu bieten. Die Politik der BRD im  kalten Krieg gegen die Existenz der DDR und deren wirtschaftliche Schwächung wird heute als der Sieg des "Freiheitswillens" dargestellt, eine Lieblingsthese des Bundespräsidenten. Offenbar ist es immer noch wichtiger, 60 Jahre Marienfelde zu würdigen, als auch im Inland die Position des Bundespräsidenten gegen den Faschismus durch eine Präsenz in Buchenwald zu beziehen - sich einzureihen in die steigende Menge der Menschen, die sich gegen (formal genehmigte?) braune Demonstrationen u.a. zur Wehr setzen.

Ein Auftritt in der Holocaust- Gedenkstätte "Yad Vashem" in Jerusalem, der wichtigsten und heiligen Gedenkstätte zur nationalsozialistischen Judenvernichtung,  oder im Warschauer Getto ist sicher ein wichtiges Bekenntnis der BRD gegen den Nationalsozialismus. Aber ist es auch ausreichend für die internationale Medienwelt, wenn es heute um neue nationalsozialistische Organisationen, um einen "Untergrund" in Deutschland geht? Aber das wird wohl eher einem Oberlandesgericht und einer rechtsstaatlichen Behörde überlassen. Ja, kann man das noch verstehen - erst das Bundesverfassungsgericht musste nach mehreren Tagen öffentlicher Proteste verfügen, dass ausländischeMedien  vom Oberlandesgericht München zum NSU-Verfahren als offizielle Presse- Berichterstatter zugelassen werden müssen. 

Das Gebaren in München reiht sich ein in Urteile zur Aufhebung von kommunalen Demonstrationsverboten für Nazis, zur Aufbietung von starken Polizeikräften für den Schutz von Naziaufmärschen gegen protestierende Demonstranten. Man fragt sich manchmal, ob nicht Enkel von Richtern am Volksgerichtshof der Nazis oder andere "Demokraten" heute wieder ihre "Freiheit" testen?

 

Buchenwald oder Marienfelde - Gedanken am Wochenende einer Kalenderwoche im Frühling des Jahres 2013?

Buchenwald ! 

***

 

Und da wäre bitte noch ein Nachtrag:

In der ZDF Sendung "Markus Lanz" vom 17.04.2013 stellte ein sehr engagierter Journalist, der sich Thomas Kuban nannte, erschütternde Videos seiner Recherchen über geheime Veranstaltungen der rechten Szene  vor, die er unter erheblicher Gefahr für sein Leben und die Gesundheit im Verlaufe von ca. 10 Jahren gefilmt hat. Bilder aus Konzerten mit hunderten bis tausenden Teilnehmern, mit grölenden Neo- Faschisten mitten in Deutschland (und auch Ungarn), wo verbotene Nazi- Symbolik, Texte mit unglaublichen faschistischen, antisemitischen Aussagen offen und oftmals unter den Augen der untätigen Polizei zelebriert wurden. Man vermutete zunächst Bilder von schlimmsten Auftritte der Nazis nach 1933! Nein, das geschieht heute in der BRD !!

Obwohl die Anwesenden der ZDF- Sendung erschüttert und sprachlos waren, mussten sie auch hören, dass bislang kein (!)  öffentlich- rechtlicher TV- Sender für eine diesbezügliche TV- Dokumentation einen Sendeplatz zur Verfügung stellte!!    

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(*)   siehe auch "Aktenvermerk R.u." - ISBN 3-327-00749-7, Militärverlag der DDR

(**) siehe  Bruno Apitz "Nackt unter Wölfen";  ISBN-10: 3379002429/ ISBN-13: 978-3379002424

 

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