Hans Modrow

Biographien und Erinnerungen führender Personen der DDR

Diese Auswahl möchte ich beginnen mit einem Buch, dessen Autor ".. seit 1957 im Westen als der »deutsche Gorbatschow« gehandelt wurde". Hans Modrow war langjährig 1.Sekretär der SED-Bezirksleitung Dresden und verkörperte 1990 als DDR- Ministerpräsident die Hoffnung vieler DDR- Bürger auf den Erhalt einer eigenständigen DDR nach den Ideen eines demokratischen Sozialismus.

Es ist bekannt, dass sich Hans Modrow seit Jahren speziell auch mit der Frage befasst, ob ein "Umbau" (das russische Wort "Перестройка") des Realsozialismus zu einer leistungsfähigen, demokratischen Gesellschaftsform mit sozialer Gerechtigkeit und den Ideen eines demokratischen Sozialismus eine Chance hatte, durch Reformierung aus seinem inneren materiellen, intellektuellem und humanistischen Potential heraus und zu einer Zeit, in der das Staatssystem der UdSSR / DDR noch handlungsfähig war.

Mit erhöhten Erwartungen hatte ich sein Buch

Hans Modrow: "Die Perestroika- wie ich sie sehe" ( Edition Ost ISBN 3-932180-61-5 ) gekauft

Auf der Umschlag-Rückseite lesen wir u.a.:

"Am 19. August 1991 demonstrierten  ... empörte Menschen überall auf der Welt: Sie empfanden den Putsch in der Sowjetunion ... als Anschlag auf die Umgestaltung des Sozialismus. Ihr Protest war zugleich Ausdruck der Solidarität mit den Protagonisten der Perestroika. Diese hatten jedoch bereits längst, wie wir heute wissen, .. ...ihren Anspruch aufgegeben, den Sozialismus grundlegend zu verändern. Und später räumte Gorbatschow ein, Sinn seiner Perestroika sei nicht der Umbau, sondern die Abschaffung des Sozialismus gewesen. .... Hans Modrow ist einer der ersten namhaften Politiker und Perestroika-Anhänger jener Jahre, der Ursachen und Verlauf der Reformen in der Sowjetunion kritisch analysiert. Seine mit vielen persönlichen Erinnerungen angereicherte Untersuchung der Jahre 1985 bis 1991 versteht er als einen Beitrag zur notwendigen Debatte über die anstehende Umgestaltung bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse.

Für H. Modrow ist klar, dass eine Betrachtung der DDR- Geschichte bei der UdSSR-Geschichte beginnen muss, denn die DDR ist "Ziehkind der UdSSR", die SED gleichsam Spiegelbild der KPdSU. Er konzentriert sich im ersten Teil des Buches mit vielen Details und persönlich geprägten Fakten auf dieses Thema der Chancen des Sozialismus, er nutzt das Thema Perestroika als den Schlüssel für eine Analyse der großen politischen Zusammenhänge und geschichtlichen Entwicklungen bis zum Kollaps der UdSSR/ DDR. Präzise und nüchtern betrachtet er die Entwicklungsetappen in der UdSSR, beginnend 1917 und die Rolle der Generalsekretäre der KPdSU (nach Stalin) , die Entwicklungstendenzen der sowjetischen Gesellschaft und ihren Einfluss auf die Prozesse in der DDR. Die Leitungsmechanismen und die gesamte Gesellschaftsstruktur der UdSSR (und in gewisser Weise des Ziehkindes DDR ) werden einer extrem kritischen Betrachtung unterworfen. Der Leser hat oft Mühe, den Stil und die einseitige Auswahl von Fakten als die Analyse eines Sozialisten zu akzeptieren. Versteckt klingt oft ein Selbstvorwurf mit ( "das betrifft auch mich") , ansonsten sind viele Darstellungen nur für den Leser nur dann in einen Sozialismus- nahen Kontext einzuordnen, der in dieser Zeit und im gleichen System tätig war und auch  u. E. einseitige Darstellungen von H. Modrow relativieren kann. Als ein Beispiel: Die Darstellungen des Planungsmechanismus der UdSSR sind, wenn nicht oft unsachlich, so zumindest oberflächlich und einseitig. Die Rolle der zentralen Planung ist wohl ein sehr sensibles Thema, das systemrelevant ist. Oder wie konnte das Gesellschaftssystem sonst viele bekannte  Großprojekte in historisch kurzer Zeit zum Ziele führen? Hat nicht, wie jede Sache, auch dieser Mechanismus zwei Seiten und lagen nicht die Hauptursachen des Zusammenbruchs in der ideologischen Destabilisierung der Gesellschaft , dem weitverbreiteten Führungskult und der Unfähigkeit eines modernen Denkens im Zeitalter der wissenschaftlich- technischen Revolution?

Verwundert sah ich aber auch, dass kein Wort über die ehrlichen Aktivitäten hunderttausender sowjetischer Kommunisten zu lesen ist, die sich um die Einheit richtiger Ziele, Methoden und des Tempos der Umgestaltungen sorgten und gegen Strömungen auftraten, die Schritt für Schritt zu einer Demontage der gesamten Ergebnisse des sozialistischen Aufbaus, zu einseitigem Meinungs-Terror de facto konterrevolutionär gesteuerter Massenmedien, letztlich zum Verlust des Ansehens der KPdSU und zum Versagen aller Funktionen der Staatsmacht führten. Und hatten  A. Jakowlew  und Medvedjew nicht eher die Führung einer schleichenden Konterrevolution übernommen? Und war der Brief von Nina Andrejewa  nicht eher ein Versuch, gegen konterrevolutionäre zerstörender Tendenzen aufzutreten. Und Jegor Ligatschow- war er tatsächlich gegen Gorbatschows "Linie", oder eher gehen Jakowlews Kurs hin zum Abgrund des Sozialismus ? Es ist nicht alles schwarz oder weiß ! Die Geschichte hat 1990/1991 die Ergebnisse der  Politik verschiedener Akteure demonstriert, B. Jelzin hat sich um 180 Grad "gewendet" und Herr Gorbatschow verdient sich jetzt seine Brötchen als erklärter Konterrevolutionär!

Jegor K. Ligatschow / (s.u. ; Wer verriet die Sowjetunion? ), von H. Modrow als "Konservativer" , als Bremser eingeordnet, zeigte uns mit Dokumenten und Erinnerungen viele Fakten offenbar gezielten konterrevolutionären Handelns in der Ära Gorbatschow und unter dessen aktiver Beteiligung. Ein Erhalt vieler zweifellos wertvoller und erhaltenswerter Elemente des "Realsozialismus", allem voran der Erhalt des gesellschaftlichen Eigentums an den Riesenunternehmen in Industrie, Bergbau, Maschinenbau und Chemie, Verkehr, gesellschaftliches Eigentum der Großbanken und Versicherungen, des Gesundheitswesens, der Bildung, Kultur - war eine ungleich wichtigere Zielsetzung, als pseudodemokratische Aktionen der Massenmedien unter Führerschaft Jakowlews. Massenmedien können den Wohlstand eines Volkes nicht verbessern. Die Pfeiler der Realwirtschaft und der sozialen Sicherheit in der UdSSR wurden 1990 /1991 bewusst zerstört!

Ich glaube, um auf o.g. Buch J. Ligatschows   und dessen Wertung Modrows zurückzukommen- die Geschichte hat denen Recht gegeben, die die wichtigste Grundlage des Sozialismus-  das gesellschaftliche Groß- Eigentum -  in einem wohl überlegten und schrittweisem Vorgehen erhalten wollten! Dass diese Menschen als Konservative von antisozialistischen Kräften verunglimpft wurden, ist nicht verwunderlich. Warum allerdings Modrow sich diesen Wertungen anschließt, kann wohl als sein Informations- Defizit gesehen werden.

Fakten zur DDR und deren Abhängigkeit von der UdSSR  sind in Modrows Buch u. E. überzeugend authentisch und informativ. Ein Buch-Titel »DDR und UdSSR im Spannungsfeld der Perestroika« wäre wohl treffender gewählt.

Um nicht missverstanden zu werden - H. Modrows Buch ist parteilich, inhaltsreich und polemisch; seine Lektüre ist empfehlenswert. Eine überzeugende Antwort auf die Frage nach den Chancen eines "Umbaus" der heute existenten, realen Staats- Systeme zu einem "demokratischen" Sozialismus, der der aktuellen Welt angepasst ist, findet man nicht! Übrig blieben Themen der "Linken" in einer imperialistischen Welt des Kapitals. Das ist eine ungleich schlechtere Grundlage für den Neubeginn eines demokratischen Sozialismus, als 1989 bei Erhalt des gesellschaftlichem Groß- Eigentum in Osteuropa !!

Das o.g. Buch zum »Spannungsfeld der Perestroika« zwischen UdSSR und DDR ist wohl eines der wenigen, das den "Baum realer Sozialismus" analysiert, dessen Wurzeln in der Geschichte der UdSSR liegen und an dem die DDR die Rolle eines Astes einnahm. 

Ergänzen möchte ich unbedingt - Hans Modrow hat eine ganze Reihe weiterer Bücher veröffentlicht, deren Focus auf die DDR- Geschichte gerichtet sind... . 

Die Auswahl für diese Seite möchte ich weiterführen mit einer beeindruckenden Biographie über Moritz Mebel, einem hoch angesehenen DDR-Mediziner und  politisch stark engagierter Persönlichkeit.  

Hans -Dieter Schütt:  " Rot und Weiß" -Gespräche mit Moritz Mebel (dietz berlin ;  ISBN 3- 320-01970-8)

Der Lebensweg von Prof. Moritz Mebel begann, um nur wenige markante Punkte zu nennen,mit der Emigration  der Familie nach Moskau (1932), dem Start eines Medizinstudiums in Moskau, dem medizinischen Dienst in den Streitkräften der Sowjetunion und einer erfolgreichen medizinischen Kariere in der DDR bis zum Chef der urologischen Klinik der Berliner Charitè und seiner Organtransplantations- Abteilung. Er wurde 1983 Vorsitzender der Sektion "Ärzte der DDR zur Verhinderung eines Nuklearkrieges " und 1986 schließlich Mitglied des ZK der SED. Dem Autor H. D. Schütt verdankt der Leser ein zutiefst menschliches Porträt eines überzeugten Sozialisten zu dessen Lebensabschnitten in der UdSSR und ab 1954 in der DDR. Prof. Mebels Leben verlief sowohl zeitlich, als auch bzgl. seiner Wirkungsstätten, annähernd parallel zu dem Lebensweg von Markus Wolf ( vgl. Markus Wolf ). Seine Erinnerungen und Meinungen beleuchten in überzeugender Weise jedoch eine andere Seite des Lebens aus dem Blickwinkel des Arztes. Sie zeigen das humanistische Wirken vieler Menschen in der DDR zum Wohle ihres Staates und decken sich in vielen Sichtweisen mit Markus Wolf, wie sollte es anders sein.  

Das Buch zeigt auch - das Leben in der UdSSR hatte viele äußerst wertvolle Seiten, die Leistungen der  überwältigenden Mehrzahl ihrer Menschen, vor allem ihrer technischen und medizinischen Intelligenz, hatten auch großen  Einfluss auf positive Entwicklungen in der DDR. Somit steht es als ein kleines Beispiel eines positiven Gegenstückes zu vielen Negativdarstellungen .

Sehr beeindruckend sind auch die Dokumente von 1989, dem Ringen um die Erneuerung der DDR.

 

Die Geschichte der DDR aus Erinnerungen führender Persönlichkeiten gerät in der Bücherwelt heute zu einer fast inflationären Vielfalt. Es ist daher sehr vom Leser-Interesse am Kerninhalt und der Sympathie zur Persönlichkeit abhängig, wer sich heute mit welchem Buch auseinandersetzt, es in seinen Bücherschrank stellt.

Hier möchte ich die Bücher

E. Krenz : „ Gefängnisnotizen“, ( edition Ost . ISBN 978-3-360-01801-4)

E. Krenz : „Herbst 89“, ( edition Ost . ISBN 978-3-360-01806-9)

hervorheben. Mehr als ein Jahrzehnt  nach Honeckers "Moabiter Notizen" legt E. Krenz  „ Gefängnisnotizen“ vor. Ein sehr ehrliches und persönliches Buch. Wir erfahren Vieles über die Situation der Staatsführung der DDR in der letzten Etappe... .  Wir lesen auch, wie ein Rechtsstaat mit der Abrechnung der Vergangenheit umgeht...Klassenjustiz pur! Mit Interesse habe ich auch die Korrespondenz mit dem DDR- Bürgerrechtler Schorlemmer gelesen, die dort enthalten ist ...

 

In „Herbst 89“ dokumentiert der letzte Generalsekretär des ZK der SED u.a. , was in jenem Herbst  im Machtzentrum der DDR gedacht und entschieden wurde und wie Gorbatschow und sein "Team" ein doppeltes Spiel mit der DDR trieb, wie er innerhalb weniger Wochen voll auf die "Angebote" des Westens umschwenkte und die strategische Verhandlungsmasse aus dem Sieg der Sowjetunion über Hitlerdeutschland (NATO- Territorium, Bodenreform- Ergebnisse, Schutz von DDR- Bürgern im staatlichen Dienst usw. ) verkaufte. Modrow wird später von Überforderung und Unfähigkeit Gorbatschows sprechen!

Beide Bücher haben mir eine ganze Reihe sehr interessanter und aufschlussreicher historischer Sachverhalte und Details zu Honecker, Gorbatschow, Mittag, aber auch Kohl, Bush (sen.), Mitterand u.a., zum Grenzregime des Warschauer Paktes, der Haltung der Generale der Westgruppe der Sowjetarmee und Vieles mehr vermittelt. Insbesondere wurden damit auch Aspekte zu einer Reihe nach wie immer wiederkehrender Fragen zum „warum“ des Zusammenbruchs unseres Sozialismusmodells beantwortet, wie gesagt „Aspekte“.

E. Krenz betont, mehrfach und u. E. sehr zutreffend, dass die Prozesse in der DDR ohne die Anerkennung und Analyse der komplexen tiefgreifenden Bindungen an die UdSSR und des Bündnisses mit der UdSSR unverständlich bleiben müssen , dass dieses Bündnis die Existenzgrundlage für eine sozialistische DDR war. Und er schreibt mehrfach, dass die eigentlichen Gründe des Versagens des Sozialismusmodells (in der DDR) viel früher liegen, als es die politischen Fehler in der Endphase der DDR  1988/1989 erklären könnten.

Zur politischen Lage Ende der 80-er zitiert er auch den US- Präsident Bush (sen.) bzgl. der Embargopolitik (betreffs der Lage in Ungarn): Es wird keine Kombination von "östlicher Macht" und "westlicher Technologie" geben, nur bei einem grundsätzlichen politischen Systemwechsel werden die USA wirtschaftlich helfen!

 

Eines war weit vor 1989 klar: der Sozialismus braucht höchste Produktivität der Arbeit, leistungsfähige Technologie auf hohem Niveau! Es ist jedoch eher enttäuschend, dass in den Büchern von E. Krenz keine Erinnerungen auf relevante konzeptionelle Auseinandersetzung  im Politbüro des ZK mit komplexen Zukunftsszenarien in den frühen 80-er Jahren zu finden sind, von Mikroelektronik- Programmen und zaghaften komplexen Bemühungen von G. Schürer in der Endphase abgesehen. Die egozentrische Politik von Mittag war da ja wohl nicht ausreichend, die zunehmende Abkehr von der UdSSR eher fatal!

 Ereignisse im „Herbst 89“ hatten natürlich andere politische Aktivitäten, als Wirtschaftskonzepte mit Blick auf 10 Jahre voraus. Da war kein Handlungsspielraum mehr!

Und doch hätten viele Menschen wohl eher Hoffnungen an Konzeptionen zur Zukunft  geknüpft, als an erweiterte Reisefreiheit und Südfrüchte. 

Natürlich ist im Rückblick vieles klarer und man sollte nicht den Fehler machen, zu behaupten, die Dinge schon 1980 besser gewusst zu haben! Aber eine hohe Zahl von Meinungen und Hinweisen, Vorschlägen, Aktivitäten vieler Menschen in der DDR verstärkten sich schon ab Mitte der 80-er Jahre... .    

Grobe Betrachtungen zeigen (mit heutigem Blick- z.B. am Beispiel wichtiger Hoch-Technologien), dass im Zeitraum spätestens um 1985 vermutlich noch eine chancenreiche Weiterentwicklung bzw. Reformierung des Sozialismusmodells in Gemeinschaft der wichtigsten RGW- Länder, unter wesentlich neuen system- politischen Vorzeichen und Kalkülen vorstellbar war. Kern einer derartigen sozialistischen Weiterentwicklung musste aber die UdSSR sein !

Im Bereich der Wirtschaft der DDR (neben vielen anderen Elementen, wie sozialistische Demokratie, Rechtsstaatlichkeit u.a.) wären neben Elementen der gesamtstaatlichen Planung etwa die Einführung von  Marktwirtschafts- Aspekten dringend gewesen, die schrittweise Umstellung der Betriebe auf Grundprinzipien der wirtschaftlichen Rechnungsführung , die Rückführung von Subventionen bei großen Gruppen von Produkten durch rentable Inlandpreise, Einfügung der wichtigsten Branchen der Wirtschaft in das globale Wirtschaftssystem unter Bewältigung einer damit verbundenen gravierenden Senkung  des Lebens- Niveaus der Bevölkerung zur Angleichung an das Produktivitätsniveau des Weltmarktes ( ein Großteil der DDR- Industrie hatte durchaus ein reales Entwicklungspotential zur schrittweisen Integration in den Weltmarkt), Korrektur der Devisenwirtschaft hin zur Konvertierbarkeit, Sicherung des gesellschaftlichen Eigentums an den Haupt- Produktionsmitteln bei Erweiterung  des Anteils an Privateigentum und anderer Eigentumsformen, Erhöhung der Eigenverantwortung des Managements der Betrieb und Förderung privater unternehmerischer Initiativen usw. sinnvoll gewesen. Als Triebkräfte wären auch die gesellschaftliche Anerkennung hoher Leistungen und eine deutliche Verbesserung des Leistungsprinzips zwingend gewesen, um auch dem personellen Exodus an Fachpersonal entgegen wirken zu können.

 

Die KPdSU hatte ca. 1988 - vgl. "Offene Worte" - auf dem Höhepunkt der Perestroika viele Erfordernisse einer umfassenden Reform des Sozialismus klar definiert- in der DDR war selbst dieser Ansatz blockiert. Aber auch bzgl. der UdSSR haben wir gelesen ( z.B. bei Ligatschow) , dass eine ernsthafte Auseinadersetzung mit der wissenschaftlich- technischen Entwicklung im Politbüro des ZK der KPdSU - systematisch oder aus Arroganz - jahrelang verzögert wurde!

 

Ist der bekannte Satz Gorbatschows "Wer zu spät kommt .... " nicht eigentlich die [unfreiwillige] Erkenntnis der Führungsriege der KPdSU, dass 1989 die Chancen echter Reformen des Sozialismus bereits nicht mehr real existierten?

Wahrscheinlich hielt das Jahr 1956, der Zeitraum um den XX. Parteitag der KPdSU, die historische Weichenstellung für eine sozialistische Perestroika bereit!

Wir erinnern uns an E. Krenz: ...  dass die eigentlichen Gründe des Versagens des Sozialismusmodells viel früher liegen, als es die politischen Fehler in der Endphase der DDR  1988/1989 erklären könnten.

Und sie liegen primär nicht in der DDR!

Man kann heute nur darüber spekulieren.... .

 

Gibt es einen dritten Weg? - so ist das letzte Kapitel des bemerkenswerten Buches von 

Edgar Most: „Fünfzig Jahre im Auftrage des Kapitals“

Das neue Berlin ISBN 978-3-360-01960-8

überschrieben. Auf der Umschlagseite lesen wir: " Was muss getan werden" : Edgar Most ist eine Institution. Eine ostdeutsche Stimme, die man auch im Westen hört. Selbst wenn er Feststellungen trifft wie diese: Der Aufbau Ost war in Wirklichkeit die Stabilisierung West. Er muss es wissen: Most war ein halbes Jahrhundert Banker: Staats-Banker, Deutsch-Banker.

Er berichtet hier aus seinem Leben und aus seinem Beruf. Sachlich, selbstbewusst, kritisch. ..  Edgar Most schaut nicht nur zurück. Er setzt sich mit der deutschen Gegenwart ebenso auseinander wie mit der Weltfinanzkrise, die zu einer Systemkrise geworden ist. Um sie zu lösen, muss man ihre Ursachen, nicht nur die Symptome bekämpfen.

Most plädiert nicht für sozialistische Verhältnisse , sondern für Alternativen aus einer weltweiten Systemkrise, einen "dritten Weg".  Im o.g. Abschnitt lesen wir u.a. : 

" Die Freigabe der DDR durch Gorbatschow und die Veränderungen in der DDR (»Wir sind das Volk«) machten die Wiedervereinigung möglich. Die Veränderungen in der Sowjetunion und bei ihren Verbündeten führten zum Zusam­menbruch des Ostblocks und zu dessen Ende. Durch die nunmehr offenen Kapitalmärkte entwickelte sich die Globalisierung mit ihren positiven wie negativen Folgen. Die sprunghafte Weiterentwicklung des elektronischen Medientransfers schaffte dafür die technische Grundlage.

Die Weltwirtschaft und ihre Institutionen waren auf diese globale Entwicklung ebenso wenig vorbereitet wie die Deutschen auf ihre Wiedervereinigung. Mittlerweile ist das entfesselte Weitfinanzsystem - für alle offensichtlich - an seine Grenzen gestoßen. Führende Wissenschaftler und Analytiker warnen eindringlich vor einem Kollaps....."

 

und weiter unten :

 

"In ihrem Buch Weltfinanzsystem am Limit weisen die Wissenschaftler um Dirk Solte daraufhin, dass von 1970 bis 2005 das Finanzvermögen gegenüber der Wertschöpfung einen überproportionalen Anstieg aufwies. So wuchs das Gesamtvolumen der Verschuldung auf dem Weltfinanzmarkt um das Dreißigfache, das Geldvolumen aus Aktien gar um das Vierzigfache, wohingegen das weltweite Bruttoinlandsprodukt lediglich um das Dreizehnfache stieg. Aus diesen disproportionalen Steigerungsraten resultiert, dass sich der Anteil des Einkommens aus Finanzvermögen mehr als verdoppelte. Das bedeutet eine gewaltige Steigerung des Ein­kommens aus Sachvermögen - logisch, dass der Anteil aus der Erwerbsarbeit dabei stetig sank. Wo soll das hinfuhren, wenn weltweit das Einkommen aus Finanzblasen schneller steigt als aus realwirtschaftlicher Arbeit?

Die Ursachen der weltweiten Verschuldung und des proportional dazu wachsenden Geldreichtums sind eng mit der Entwicklung der Haushaltsdefizite und Militärausgaben in den USA verwoben, was sich an den Ausgaben für die Kriege in Vietnam, Afghanistan und dem Irak zeigt. Ist es nicht mehr als schizophren, dass durch die Wertevernichtung in Kriegen die Kapitalkonzentration zunimmt und der Reichtum der Vermögenden anwächst? Den Gewinnern der Geld- und Kapitalwirtschart stehen auf der anderen Seite die Verlierer gegenüber.
Eine Folge dieses Prozesses ist - wie sich bereits deutlich zeigt - die Umverteilung von Einkommen und Vermögen von unten nach oben - von vielen zu wenigen, von Personen zu Kapitalinstitutionen. Hinzu kommen, sowohl national wie international, Einschränkungen des sozialen Ausgleichs, ein Anwachsen der Inflation und damit eine weitere Konzentra­tion des Reichtums.

Wir alle wissen, dass nicht alle Menschen Zugang zu die­sen Systemen haben. Circa eine Milliarde Menschen haben kein Dach überm Kopf, keinen Zugang zu Trinkwasser, Medikamenten, Bildung. Diese Menschen müssen von weniger als einem Dollar pro Tag leben. Die Hälfte der Menschheit - 3,5 Milliarden - lebt von weniger als zwei Euro pro Tag. Jedes Jahr sterben fast elf Millionen Kinder unter fünf Jahren. Armut ist die schlimmste Krankheit, sie muss durch ein neues Weltfinanzsystem besiegt werden. Das bedeutet, dass sich die Zinsen für Entwicklungshilfen gegen Null entwickeln und alle Zinseszins- Erscheinungen abgeschafft werden müssen.

Ein Gesellschaftssystem, das derartige Phänomene akzeptiert und fördert, kann in einer globalen Welt langfristig nicht aufrechterhalten werden. Insofern haben wir es nicht allein mit einer Finanz-, sondern mit einer Systemkrise zu tun. Die Finanzkrise hält der globalisierten Welt den Spiegel vor: Unsere Gesellschaft ist ebenso krank wie ihr Bankensystem. Es gibt viele Ansätze, sie wieder gesunden zu lassen. Dazu jedoch müssen wir neue Wege beschreiten.

Was im Kalten Krieg unter dem Mantel von Ideologien verborgen lag, tritt heute klar zutage: die Verselbstständigung des Geldes. Es ist nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern - wie bereits Marx erkannt hatte - Selbstzweck geworden. Geld hat keine Heimat und kennt keine Grenzen. Die Finanz- und die Real wirtschaft sind seit Abschaffung der Goldparität des US-Dollars im Jahr 1970 und der Aufgabe der Abhängigkeit der Währungen untereinander Mitte der 70er Jahre nicht mehr direkt miteinander verbunden."

 "So wichtig der Markt ist, so ist er doch kein Heilsbringer. Geld und Kapital bedürfen einer — möglichst global verbindlichen - Regulierung. Dass ein zügelloser Markt nicht funktioniert, zeigen die Ergebnisse der deutschen Einheit und der Weltwirtschaftskrise. Schaffen wir die Bedingungen für ein neues Weltfinanzsystem, das an die Realwirtschaft gekoppelt ist, Finanzprodukte besser absichert und Spekulationen sowie Steuerungsumgehungen konsequent unterbindet, beschreiten wir bereits den Dritten Weg.

 

Die sehr kompetenten Darlegungen von E. Most haben eine besonders interessante Seite: Er überblickt sehr wesentliche Funktionen beider Gesellschaftssystem gleichermaßen und zieht daraus den Schluß:

... Ein Gesellschaftssystem, das derartige Phänomene akzeptiert und fördert [ wie der Imperialismus. G.J.], kann in einer globalen Welt langfristig nicht aufrechterhalten werden. Insofern haben wir es ... mit einer Systemkrise zu tun.

Sehr anregend, dieses Buch zu lesen!

Und viele ältere DDR- Leser werden sich des geflügelten Satzes aus der Nachwendezeit erinnern: "Die kochen auch nur mit Wasser, wenn es überhaupt kocht!"