Start vor 40 Jahren

 
 

Beiträge zur DDR- Geschichte des EinheitsSystem der Elektronischen Rechentechnik (1968-1990)

 

 

Rechentechnik der DDR im ESER 

Der internationale Vertragsrahmen 

 Arbeitsumfeld des ESER in der UdSSR 

Arbeitsumfeld des ESER in der DDR 

Produkte und Robotron-Teams

Chancen nach 1990

Artikelsammlung und sitemap

Kontakt

   

 
 

Vorgeschichte der IT der DDR vor 1970

Zur ESER- Startperiode UdSSR / DDR

Systementwurf und Technologie

Wirtschaftlichkeit des ESER

Arbeit mit Prototypunterlagen

Zwei Architekturlinien

 
 

 

 

Zur ESER – Startperiode

 

Dr. Manfred Günther- der erste Chefkonstrukteurs der DDR im ESER- erinnert sich in einem  Gespräch im Mai 2008 zur Startperiode des ESER vor 40 Jahren

 

Die Augen von Dr. Manfred Günther leuchten und sein Gesicht lebt so, wie viele seiner Mitstreiter ihn aus der Anfangszeit des ESER kennen und verehren. Er berichtet von Zusammenhängen und Episoden und beantwortet Fragen mit Tiefe und Präzision. Doch dieses Gespräch mit dem Autor dieser WEB- Site fand nicht in den 70ger Jahre statt, wie hunderte Beratungen damals, sondern in den  Maitagen des Jahres 2008 – fast genau 40 Jahre nach den denkwürdigen und interessanten Ereignissen bei der Vorbereitung und Begründung des ESER.

Die drei Chefkonstrukteure der DDR im ESER während eines Treffens im Mai 2008: , Mitte: Dr. Manfred Günther, rechts Prof. Dr. Gerhard Merkel, links der Autor.

 Historisch verbürgte Fakten und Zusammenhänge aus der Startphase des ESER- 1968 / 1969, vor und nach Gründung der Mehrseitigen Regierungskommission Rechentechnik waren bislang unter „www.eser-ddr.de“ und in anderen Quellen unvollständig oder gemäß der Einschätzung einzelner Personen einseitig dargestellt. Es ist daher besonders erfreulich, diesen Mangel durch Erinnerungen des ersten Chefkonstrukteurs der DDR für das ESER - Dr. Manfred Günther- weitgehend beseitigen zu können bzw. eine authentische Facette „aus sehr gut informierter Quelle“ hinzuzufügen. Obwohl kaum noch Unterlagen erhalten sind, sind seine Erinnerungen noch frisch und erstaunlich vielseitig… .

 

 

Den Gesprächspartner interessieren zunächst die Geschehnisse der Jahre 1968/ 1969 , speziell die Architektur- relevanten Fakten im Vorfeld  des Abschlusses des mehrseitigen

 

„Abkommen über die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Entwicklung, Produktion und Anwendung von Mitteln der Rechentechnik“vom 23.12.1969, (MRK - ESER- Vertrag)

 

zwischen den Regierungen der Volksrepublik Bulgarien, der Ungarischen Volksrepublik, der Deutschen Demokratischen Republik, der Volksrepublik Polen der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken und der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik, dabei insbesondere das Zusammenwirken zwischen UdSSR und DDR.

 

 

Dr. Manfred Günther nimmt sofort Bezug auf den Artikel des Generalkonstrukteurs zur ESER- Geschichte (http://www.eserddr.de/histUEBERBLICKESER_VVPr.htm) und erinnert sich dieser Zeit in vielen Details, denn er war zu jener Zeit Entwicklungschef der VVB Datenverarbeitung und Büromaschinen (DuB) mit Sitz in Erfurt, der zentralen Vereinigung Volkseigener Betriebe (VVB)  der DDR für die Rechentechnik, Datenverarbeitung und Büromaschinen jener Zeit.

In der DDR war bekanntlich das Programm zur Profilierung der Volkswirtschaft in vollem Gange, das unter W. Ulbricht bereits 1956 die Aufgabe formulierte, die „Produktion von Elektronenrechenmaschinen sowie die Entwicklung der Halbleitergeräte für verschiedene Zwecke“ einzuleiten. Mit dem Regierungs- "Programm zur Entwicklung, Einführung und Durchsetzung der maschinellen Datenverarbeitung in der DDR"  wurde 1964 ein neuer Industriezweig geschaffen.  Die Vereinigung Volkseigener Betriebe für Datenverarbeitungsanlagen und Büromaschinen (VVB DuB) war als zentrales Wirtschaftsorgan dafür zuständig.

 

Und was leicht in Vergessenheit gerät: In der DDR wurde 1966 ein Staatssekretariat für Datenverarbeitung beim Vorsitzenden des Ministerrates der DDR unter Leitung von Günter Kleiber geschaffen, der dann im April 1967 auf dem 8. Parteitag der SED zum Kandidaten des Politbüros des ZK der SED gewählt wurde, ein Ausdruck für die besondere politische und wirtschaftliche Bedeutung, die damals der Entwicklung, Produktion und Anwendung der maschinell Datenverarbeitung  in der DDR beigemessen wurde.

 

Dr. Günther erinnert sich daran besonders, weil in dieser Zeit an die VVB DuB nicht nur besonders hohe Anforderungen gestellt wurden, sondern weil diese Konstellation auch hochrangige Kontakte mit UdSSR- Regierungsstellen und -Wissenschaftlern ermöglichte.

 

Unser Gesprächspartner betont besonders, dass in dieser Zeit die Abstimmungen und Verhandlungen zur gemeinsamen Schaffung von Mitteln der Rechentechnik/ Datenverarbeitung noch in zweiseitiger  Kooperation zwischen UdSSR und DDR gemäß entsprechender  Regierungsprotokolle erfolgten ( aber darauf wird weiter unten noch eingegangen werden).

 

Zu Architektur- relevanten Fakten stellt er dann lakonisch fest, dass die Prozesse zur Entscheidungsfindung in der UdSSR für die  Wahl der Vorbild – Architektur offenbar sehr viel komplexer verliefen, als beim Generalkonstrukteur V. Prschijalkowskij ( siehe   UEBERBLICKESER_VVPr_de...   und  NIZEWT2003_de3.htm  ) nachzulesen. Die Analyse- und Entscheidungsprozesse in der UdSSR, wie man sie dort aus den Erinnerungen von V.V. Prschijalkowskij entnehmen kann, können aus DDR- Sicht um wesentliche Fakten ergänzt werden.

 

Im Verlaufe des Jahres 1968 besuchte eine Reihe hochrangiger UdSSR- Regierungs- und Wissenschaftlerdelegationen die DDR. Sie  interessierten sich besonders für die Potentiale und Arbeiten der DDR auf dem Gebiet der der Entwicklung neuer Datenverarbeitungssysteme, aber auch für die Produktionspotentiale der traditionellen Büromaschinenindustrie Thüringens und Sachsens. Dr. Günther nennt aus eigenem Erleben mehrere Besuche im Verlaufe des Jahres 1968 von größeren Spezialistenteams der UdSSR in  Einrichtungen der VVB DuB, darunter in Sömmerda, Erfurt, Karl- Marx- Stadt (ELREMA) , Radeberg u.a.. Er erinnert sich dabei auch an den Besuch des Chefs, der 8. Hauptverwaltung des Ministeriums für Radioindustrie der UdSSR(MRI) , M.K. Sulim, an den Direktor des NIEM S. A. Krutowskich, dem späteren  ersten Generalkonstrukteur des ESER, und an weitere Persönlichkeiten, deren Rolle in der DDR oft erst später klar wurde. Das waren also ausschließlich Vertreter des MRI.

 

Zeitlich lagen diese Besuche weit vor der Beschlussfassung zum Architektur- Prototyp  des Systems „Rjad“  (REIHE) in der UdSSR und ca. 1 Jahr vor Abschluss des mehrseitigen Regierungsabkommens. Später setzten sich derartige Besuche leitender Persönlichkeiten der UdSSR fort, darunter auch des 1. Stellvertreters des Vorsitzenden der staatlichen Plankommission (GOSPLAN) der UdSSR Rakowski, des späteren  ständigen Vorsitzenden der MRK Rechentechnik und des Ministers für Radioindustrie der UdSSR , Kalmykow.

 

Man konnte bislang aus den zurückhaltenden Äußerungen von V. V. Prschijalkowskij (..BetriebssystemedesESER-UdSSR-Ueberblick_001.htm#_Toc163133831.)   zwar durchaus entnehmen, dass die Offenlegung des Arbeitsstandes der Software-Technologie des DDR-Projektes „Robotron 400“ im Verlaufe des Jahres 1968 den Vertretern der /360- Architektur in der UdSSR gute „pro /360“-Argumente und Fakten vermittelte. Aber die Fragen der Software- Technologie waren offenbar nur die bekannte Spitze des Eisberges. Verschiedene Spezialistenberatungen zwischen UdSSR und DDR aus dem Jahre 1968 legen nach Erinnerung von M. Günther die Vermutung nahe, dass die sehr offene Darlegung des komplexen Arbeitsstandes der DDR und verschiedene gemeinsame Arbeiten in der DDR an Importgeräten entscheidend dazu beitrugen, dass in der UdSSR letztlich die Fakten zu  Gunsten der  /360- Architektur  für das  Projekt „Reihe“ dominierten.

 

Diese Offenlegung des Arbeitsstandes seitens der DDR war damals noch sehr ungewöhnlich; aber operativ notwendig. Sie zielte auf den Erhalt und kontinuierliche Weiterführung der  laufenden Arbeiten in der DDR unter sich abzeichnenden neuen Bedingungen der Kooperation. Folgendes Beispiel ist noch gut in Erinnerung: Zweiseitige Spezialistentreffen in Moskau machten z.B. deutlich, dass in der UdSSR interne Positionskämpfe zur Wahl einer künftigen einheitlichen Systemarchitektur aufflammten, wobei sowohl einheimische (vaterländische) Systemlösungen, als auch andere Architektur- Optionen (ICL, Siemens) zur Diskussion standen. Es hatte den Anschein, dass eine englische Firma außerordentlich verlockende Lizenz Angebote gemacht hatte. Eine nachdrückliche Einflußnahme durch Regierungsstellen der DDR  gegenüber Regierungsstellen der UdSSR war daher dringend geboten.

 

In solchen kritischen Phasen dieser Prozesse ( und später bei verschiedenen  Grundfragen der Vertragsregelungen) half auf hoher Regierungsebene das persönlich Wirken des damaligen Staatssekretärs, aber wohl eher ( in Personalunion) des Kandidat des Politbüros des ZK der SED Günter Kleiber, die eingeschlagene DDR- Linie gegenüber den UdSSR – Partnern zu vermitteln und letztlich als Grundlage der Zusammennarbeit zu erhalten. Das unterstrich das hohe Niveau der laufenden DDR- Arbeiten und trug  sicher wirkungsvoll dazu bei, dass andere Architektur- Varianten in der UdSSR nicht zum Tragen kamen.  Die Argumente für System /360 ermöglichten schließlich die kontinuierliche Fortsetzung der Arbeiten in der DDR.

 

Zusammenfassend kann man also durchaus feststellen, dass  wesentliche Teile der Systementscheidungen der UdSSR zum „Prototyp“ für das ESER de facto durch die vermittelte Kenntnis über die Arbeiten am Komplex R400 bei ELREMA  Karl- Marx- Stadt beeinflußt wurden.

  

 

Hier schließt sich die Frage an, wie sich in der DDR- Praxis  der Wandel von einer zweiseitigen Kooperation zu der dann realisierten mehrseitigen Kooperation darstellte und welche Partnerschaften dabei existierten .

 

 

Hier verweist Dr. Günther darauf, dass hinsichtlich der Entwicklung der zweiseitigen Zusammenarbeit mit der UdSSR und schließlich der Quellen der mehrseitige Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Rechentechnik die von der UAG Historie Robotron der Arbeitgruppe Rechentechnik in den Technischen Sammlungen Dresden vom Februar 2006 an mehreren Stellen  (u.a. Im Abschnitt „mehrseitige wissenschaftliche- technische internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Rechentechnik im Kombinat Robotron“) gemachten Darlegungen präzisiert werden müssen, wonach die Zusammenarbeit zur Entwicklung des ESER auf die Arbeiten der ständigen Kommission 13 des RGW und deren Sektion 3, speziell auf deren Tagung im Jahre 1967 in Erfurt und davor auf ein zweiseitiges Treffen mit sowjetischen Spezialisten im Jahre 1966 in Erfurt zurückzuführen sei.

 

In der Sektion 3 wurde die UdSSR von Experten des Ministeriums für Gerätebau der UdSSR vertreten. Diese vertraten eine Konzeption aus einer Entwicklungseinrichtung der UdSSR in Sewerodonezk mit der Bezeichnung „ASWT“ (Abkürzung in russisch für Automatisiertes System der Rechentechnik). Diese Systemkonzeption kam der DDR Konzeption R 400 zwar nahe, war aber als „multivalente Architektur“ nicht /360 typisch. Die Überlegungen in der DDR zur zweiseitigen Zusammenarbeit  und zur Spezialisierung gingen bis zum Jahre 1968 aber durchaus von den Ergebnissen dieser Beratungen aus.

 

In der UdSSR wurden dann aus Gründen, die uns verborgen blieben , die Verantwortlichkeiten anders fixiert. Die Informationen, welche z.B. über das NIZEWT nach 1990 veröffentlicht wurden -siehe z.B. http://eser-ddr.de/NIZEWT2003_de3.htm - blieben selbst auf hoher Verantwortungsebene des DDR- Ministeriums für Elektrotechnik/ Elektronik unbekannt.

Als Partner in den folgenden zweiseitigen Beratungen und bei der Vorbereitung des mehrseitigen Abkommens und danach wurde das Ministerien für Radioindustrie (MRI)  der UdSSR zuständig. Wie wir später erkannten, verfügte dieses Ministerium über beachtliche Kapazitäten auf dem Gebiet der Rechentechnik. Zu diesem Ministerium gehörte z.B. auch das Werk „Ordschonikidse“ in Minsk, in welchem u.a. die Rechnerserien URAL und MINSK produziert wurden. Und wie wir heute wissen war dieses Ministerium das Leitministerium  für die Entwicklung und Produktion von universellen und spezialisierten Rechnersystemen in der UdSSR und auch sehr stark in den militär-industriellen  Komplex der UdSSR eingebunden, so mit elektronischen Bordausrüstungen für Flugzeuge.

Im Bereich dieses Ministeriums war eine Konzeption für ein Rechnersystem entwickelt wurden, die uns als System „Rjad“ (Reihe) vorgestellt wurde und im weiteren die Grundlage aller zwei- und mehrseitigen Arbeiten wurde. Diese Konzeption legten die UdSSR – Spezialisten in Vorbereitung des mehrseitigen Regierungsabkommens dann in einer zweiseitigen Spitzenberatung mit einer DDR- Spezialisten Gruppe weit vor Ende 1969 in Form eines umfangreichen, 5 Bände umfassenden  „Vorprojektes“ zum System „Rjad“ (REIHE) -später ESER 1- in Moskau vor. Für die beteiligten führenden DDR- Spezialisten aus mehreren Industriezweigen (Datenverarbeitungs- und Büromaschinen, elektronische Bauelemente) wurden darin damals gute Chancen für ein gemeinsames systemtechnisches und technologisches Zusammenwirken unter Nutzung der schon bestehenden DDR – Basis gesehen.

  

Tatsächlich lief auch hinsichtlich der Orientierung auf mehrseitige Vertragsarbeit ein komplizierter und teilweise auch widersprüchlicher Prozess ab, der parallel zu technischen Konzeptionsarbeiten verlief. Die DDR- Regierungsstellen und Fachleute sahen im Verlaufe des Jahres 1968 und weiter in 1969 die Vorteile in einer wirkungsvollen zweiseitigen technischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit und Arbeitsteilung zwischen der UdSSR und der DDR. Das entsprach auch Regierungsprotokollen, wo der Abschluss eines zweiseitigen Abkommens vereinbart war.

In der Zeit der Vorbereitung dieses zweiseitigen Abkommens von Dezember 1968 und seines Ergänzungsabkommens vom Juni 1969 gab es zwischen beiden Seiten auch erbitterte Auseinandersetzungen zur Spezialisierung. Die sowjetische Seite vertrat u.a. den Standpunkt, dass sich die DDR auf die Entwicklung und Produktion elektromechanischer Peripheriegeräte konzentrieren solle. Sie argumentierte, die UdSSR habe genügend Kapazitäten, um die DDR mit EDVA- Zentraleinheiten  zu versorgen. Vor allem der zuständige Abteilungsleiter in GOS- Plan (später lange Zeit Leiter des Ökonomischen Rates der MRK-Rechentechnik), Herr Samarin,  war hierzu ein maßgeblicher Vertreter.

Und Manfred Günther ergänzt noch : „In den von mir beobachteten mehr als 20 Jahren haben sie diese Meinung nie ganz aufgegeben“.

 

Betrachtet man jedoch auch die von Viktor Prschijalkowskij 1995 dokumentierte total unbefriedigende Situation bei der Entwicklung und Produktion von ESER- EDVA in der UdSSR, dann wird deutlich, wie entfernt von der systemtechnischen Realität derartige Standpunkte der Staatsbeamten von „GOSPLAN“ waren. Insofern war die mit dem zweiseitigen Regierungsabkommen und auch später in der mehrseitigen Zusammenarbeit durchgesetzte Spezialisierung der DDR auf mittlere EDVA und auf Betriebssysteme prägend und von außerordentlicher wirtschaftlicher Bedeutung für die Entwicklung der Rechnerindustrie der DDR in den folgenden 20 Jahren.

 

Im zweiseitigen Vertrag vom 22.12.1968  war schließlich  fixiert :

 Artikel1: „Beide Seiten schaffen in den Jahren 1971-1973 ein einheitliches System der elektronischen Datenverarbeitungstechnik.

.

Artikel 7: „Jedes sich aus diesem Abkommen ergebende Vorgehen der Seiten wird mit der Arbeit zur Schaffung des einheitlichen Systems der elektronischen Datenverarbeitungstechnik für alle interessierten sozialistischen Länder koordiniert.

Die DDR und die Sowjetunion werden sich an den Arbeiten in der zu diesem Zweck durchzuführenden mehrseitigen Zusammenarbeit mit allen interessierenden sozialistischen Länder beteiligen.

  

Hier schließt sich die nächste Frage an : Seitens der UdSSR- Verantwortlichen der Staatlichen Plankommission (GOSPLAN) wurde die mehrseitige Zusammenarbeit offensichtlich eindeutig als ein Schwerpunkt in der  Politik der UdSSR zur sozialistischen ökonomischen Integration vertreten. Wie wurde denn das Abkommen zur Mehrseitigen Regierungskomission Rechentechnik (MRK) mit seinen Festlegungen zur Arbeitsweise und zur Struktur der Arbeitsorgane und zu den fachlichen Zielen mehrseitig vorbereitet

 

 

In der Tat erfolgten im Herbst des Jahres 1968, Monate vor Unterzeichnung des „Mehrseitigen Regierungsabkommens zur gemeinsamen Entwicklung, Produktion und Anwendung eines einheitlichen Systems der elektronischen Rechentechnik“ Treffen von Beauftragten der Länder.

Im Verlaufe des ersten Halbjahres 1968 hatte der erste Stellvertreter des Vorsitzenden der UdSSR-Plankommission, M. E. Rakowski , bereits gegenüber G. Kleiber auf die Notwendigkeit einer mehrseitigen Zusammenarbeit hingewiesen. Ein Schreiben des Vorsitzenden des Ministerrates der DDR W. Stoph an den Vorsitzenden des Ministerrates der UdSSR  N. A. Kossygin ( siehe Kopie des Schreibens)  aus dieser Zeit (erstes Halbjahr 1969) lässt erkennen, dass in der DDR zunächst Bedenken bezüglich der Effektivität einer mehrseitigen Arbeit bestanden, aber wohl vor allem die Sorge existierte, die Umsetzung der zweiseitig vereinbarten Systempolitik und Spezialisierung auf Basis der Arbeiten zu den Konzepten  „R400“ und „Rjad“ könnte verzögert oder verändert werden und dass damit zu befürchten wäre, dass die bedeutenden und umfangreichen systemtechnischen Vorleistungen in der DDR mehr oder weniger mit großen ökonomischen Verlusten nutzlos würden.

 

Jedoch war es  klar, dass man sich der Position der UdSSR, auf diesem bedeutenden Gebiet der wissenschaftlich technischen Entwicklung auch andere interessierte sozialistische Länder mit einzubeziehen bzw. nicht auszuschließen, wie aus dem Schreiben ersichtlich, nicht verschließen konnte. Damit wurde der Schaffung eines Rates der Chefkonstrukteure der beteiligten sozialistischen Länder  von der DDR- Regierung zugestimmt mit dem deutlichen Hinweis auf Beibehaltung des Systemkonzeptes „Rjad / R400“.

 In dieser Phase wurden bereits leitende Persönlichkeiten der Länder für die technische Leitung der Arbeiten benannt. So wurde Dr. Günther, damals als Direktor für Forschung und Entwicklung der VVB DuB,  unmittelbar durch den Staatssekretär als Chefkonstrukteur der DDR benannt.

 

Die Struktur der Kommission insgesamt und auch die Arbeitsorgane des Rates der Chefkonstrukteure entstanden aus der Zielstellung ein Projekt als  „Einheitssystems“ zu realisieren. Dabei wurde u.a. der Grad der Vereinheitlichung innerhalb dieses Systems sehr kontrovers diskutiert. Von einigen Teilnehmern, vor allem von der sowjetischen Seite wurde zunächst der Standpunkt einer absoluten Einheitlichkeit „bis zur letzten Schraube“ vertreten. Maßgeblich waren offensichtlich hier die Anforderungen des militärischen Komplexes im Verteidigungsfall Service und Ersatzteileversorgung bzw. eine schnelle Austauschbarkeit von Geräten im Havariefall zu gewährleisten. Schließlich verständigte man sich auf das von allen Seiten als realisierbar erkannte Ziel einer Vereinheitlichung auf der Ebene der Interfaces und der Basiskonstruktion sowie die Gewährleistung der Aufwärtskompatibilität zwischen den Modellen der „Reihe“ als Zielstellung für die „Einheitlichkeit" des Systems zu fixieren.

 

Viele Details der Organisation wurden offenbar aus Projekt- Dokumenten übernommen, wie sie in der UdSSR für Großprojekte üblich waren und sich bewährt hatten. Auch die Strukturen der Arbeitsorgane und die Prozeduren der Entscheidungsfindung und –durchsetzung erinnerten stark an straffe, halbmilitärische Arbeitsmethoden. Auffallend waren die Bestrebungen der UdSSR Seite , die allgemeinen Systemforderungen an das System aus sowjetischen Standards abzuleiten, die nur aus dem militärisch- industriellen Komplex stammen konnten.

 

In den Beratungen zur Vorbereitung des Regierungsabkommens beeindruckten aber vor allem die hohen Bedarfszahlen, welche die UdSSR- Vertreter in vorläufigen Dokumenten darstellten und die deutlich den wirtschaftlichen Führungsanspruch der UdSSR in allen Organen der künftigen Regierungskommission begründeten. Viele dieser Zahlen erwiesen sich allerdings dann Jahre später als zu hoch angesetzt.

 Insgesamt war zum Jahresende 1969 ein Abkommen erarbeitet, welches zu einem konkreten und zielgerichteten  Handeln einer großen Zahl von Fachleuten  und Organisationen in den beteiligten Ländern führte.

 

An dieser Stelle soll auf eine in diesem Zusammenhang sehr häufig anzutreffende falsche Einordnung der Zusammenarbeit am ESER als ein „RGW System“ hingewiesen werden.

Die Zusammenarbeit zur Schaffung des ESER und auch aller später noch vereinbarten Komplexe u.a. zum System der Kleinrechner „SKR“ und auch zu elektronischen Bauelementen im Rahmen der mit dem Abkommen von 1969 gebildeten Regierungskommission war nicht Bestandteil der Organisation des RGW, sondern erfolgte unabhängig von den Gremien und Leitungsorganisationen des RGW im Rahmen der von den Regierungen der beteiligten Länder mit dem Abkommen vom Dezember 1969 dazu gebildeten „Mehrseitigen Regierungskommision der sog. MRK- Rechentechnik. Es haben sich auch nicht alle dem RGW angehörenden Länder diesem Abkommen angeschlossen. Außerdem galten im Rahmen der MRK- Rechentechnik und aller ihrer Organe auch andere Grundsätze der Führung, Abstimmung und Entscheidungsfindung als im Rahmen der RGW Organisationen, ohne die die Verwirklichung eines solchen komplexen Vorhabens auch nicht möglich gewesen wäre. So waren im Rahmen der MRK- Rechentechnik, deren ständiger Vorsitzender, die Leiter der Räte der Chefkonstrukteure und aller Spezialistenräte und zeitweiligen Arbeitsgruppen grundsätzlich verantwortliche Führungskräfte aus der UdSSR, während z.B. im Rahmen des RGW , in den Kommissionen und anderen Arbeitsorganen der Vorsitz jeweils in einem turnusgemäßen Wechsel zwischen Führungskräften der beteiligten Länder erfolgte.

 

 

Und noch eine Frage zu einem „wunden Punkt“ der mehrseitigen Spezialisierung – warum wurde letztlich DDR- seitig auf die Weiterführung der begonnenen Entwicklung und Produktion von Magnetplatten – Speichern verzichtet, deren Qualität und verfügbare Menge immer ein großes Hemmnis für eine effiziente Anwendung von EDV-Systemen war?

 

 

M. Günther erinnert sich dazu vieler Details:

Im Rahmen der Projekte für R400 wurde ja bei Robotron/ Radeberg auch die  Ent-wicklung  eines 14 Zoll Wechselplattenspeichers mit einer Kapazität von 7,25 MByte / Spindel eingeleitet und bis zur Kleinserienfertigung geführt. In der DDR

wurden Ende der 60-er Jahre, auch im Zusammenhang mit der Vorbereitung des zweiseitigen Abkommens mit der UdSSR vom Dezember 1968 und weiter bis Anfang der 70-er Jahre umfangreiche Arbeiten zur Einordnung der erforderlichen Kapazitäten für eine bedarfsgerechte Produktion auch für den zu erwartenden Export unternommen. Der DDR Bedarf und die Exportchancen sprachen für ein wirtschaftliches Produktionsvolumen. Sowohl Betriebe der Elektrotechnik und auch des Maschinenbaus der DDR verfügten über ein geeignetes technologisches Basisprofil. Der Bedarf einerseits und die Kapazitäts- und Technologie- Voraussetzungen andererseits in Einklang zu bringen, das war aber wie die Quadratur des Kreises. Für die Plattenspeichertechnik eine Großserienfertigung in Radeberg auszubauen, war im Rahmen verschiedener Planungs-Konzepte mehrfach geprüft und immer wieder negativ beschieden worden.

 

Andererseits waren da die Bulgaren. In den Verhandlungen im Rahmen  der MRK/-Rechentechnik zeigte der Stellvertreter des Ministerrates der VRB und Mitglied des Politbüros des ZK der Kommunistischen Partei Bulgariens Prof. Ivan Popov, große Aktivität, der mit großen Liefervolumina auf den sowjetischen Markt  rechnete.  Er ging nicht nur in Moskau aus und ein und versprach hohe Investitionen in eine stabile Großproduktion, sondern stellte auch den DDR- Oberen seine Konzepte vor. In der Tat begannen die Bulgaren mit dem Bau mehrerer großer Werke und stellten große Kapazitäten für die Entwicklung moderner Plattenspeicher- Geräte bereit. Auch DDR- Delegationen konnten sich mehrfach davon überzeugen. Die DDR- Spezialisten verblüfften allerdings die kurzen Entwicklungszeiten, ein deutlicher Hinweis auf riskantes Kopieren im Entwicklungsprozess. 

 

Der politische und sachliche Druck zur Spezialisierung der VRB für Plattenspeicher führten Anfang der 70ger Jahre im Glauben in die Leistungsfähigkeit der ökonomischen Integration zunächst zur Beendigung der Plattenspeicher-Arbeiten in der DDR.

 

Die Probleme allerdings blieben. Insbesondere die Limitierungen im bilateralen Warenaustausch auf ausgeglichene Export/Import-Bilanzen, aber auch die über eine längere Zeit in Bulgarien nicht bewältigten Qualitätsprobleme führten letztlich dazu, dass Plattenspeicher im ESER immer eine kritische und nicht hinreichend gelöste Position blieben.

 

Mitte der 80ger Jahre wurde daher in der DDR die Entscheidung getroffen, mit hohem Aufwand wieder eigene moderne 5,25“ und 3,5“ Winchesterplatten zu ent-wickeln und zu produzieren – allerdings kamen diese Entwicklungen unter den gegebenen Bedingungen nicht mehr zum Tragen und wären ökonomisch und patenttechnisch auch nicht exportfähig gewesen.

 

Man sieht also, es waren große und komplexe Themen, deren Lösung unter den gegebenen Umständen nicht zufriedenstellend erreicht wurde. Hier war die „Spezialisierungspolitik bei Plattenspeichern also, so meint M. Günther nachdenklich, letztlich keine Fehlentscheidung der DDR- Führung, sondern die bestehenden Möglichkeiten stießen an objektive systembedingte Grenzen.

 

 

Am Start der zwei- und mehrseitigen Arbeiten zur Rechentechnik war die DDR mit einer deutlich größeren Zahl von Nomenklatur- Positionen im Entwicklungsplan vertreten. Später nahm die DDR- Beteiligung im ESER deutlich ab… . Was waren die Hauptaspekte dieser Entwicklung, die besonders bei der Systemkomplettierung der ESER- EDVA der DDR zunehmende Probleme brachten ?

 

 

Dr. Günther versucht eine kurze Antwort, wenngleich, wie er sagte, diese Problematik eigentlich nur vor sehr komplexen Zusammenhängen hinreichend zu behandeln wäre.

 

In der Startphase des ESER erfolgte die Leitung des Industriezweiges bekanntlich noch einheitlich durch die VVB Datenverarbeitungs- und Büromaschinen und das zweiseitige Abkommen zur Rechentechnik mit des UdSSR vom 20.12.1968 war das erste internationale Abkommen, verbunden mit vielen Erwartungen zur Erschließung des RGW- Marktes. Eine große Zahl von Positionen in der Nomenklatur der für die gegenseitigen Lieferungen vorgesehenen Erzeugnisse erschien damit vorteilhaft.

Während in den Anfangsjahren die Zusammenarbeit im Rahmen der MRK Rechentechnik sich ausschließlich auf das ESER konzentrierte, führte die internationale Entwicklung leistungsfähiger Kleinrechner zum Beschluss der MRK- Rechentechnik ein „System der Kleinrechner“ (SKR) als weiteren Zweig in die Zusammenarbeit aufzunehmen. Damit verbunden war in den beteiligten Ländern außer der UdSSR eine deutliche System-Parallelität. Die erfolgreiche Startphase des ESER implizierte den Wunsch, dessen Leitungsstruktur und Arbeitsorganisation auch für das SKR anzuwenden. Nicht nur für die DDR war es daher scheinbar sinnvoll, bestimmte Produkte sowohl für das ESER und auch für die SKR Nomenklatur anzumelden.

Im Rahmen tiefgreifender wirtschaftsorganisatorischer Veränderungen im Verlaufe der 70er und 80er Jahre in der DDR erfolgte u.a. die Bildung der Kombinate Robotron und Zentronik und so damit gewollt auch mit einer Erhöhung der Eigenverantwortlichkeit dieser Kombinate. Diese volkswirtschaftlichen Prozesse und die zwischenzeitlich gesammelten Erfahrungen in der mehrseitigen Zusammenarbeit führten automatisch auch zur Veränderung des Entscheidungsrahmens zu Fragen der Spezialisierung.

Diese standen im Kontext mit den gegenüber den Möglichkeiten überproportional wachsenden Anforderungen der Volkswirtschaft an die Betriebe der Elektrotechnik und Elektronik. Zu berücksichtigen waren die Erfahrungen , dass erhoffte Lieferungen aus den Teilnehmerländern am ESER wegen nicht ausreichendem Aufkommens und auch von Qualitätsmängeln bei den Erzeugnissen, nicht in der erforderlichen Größenordnung realisierbar waren und Importe mit konvertierbaren Devisen unter den Bedingungen des bestehenden Embargos gegenüber der DDR und nur begrenzt zur Verfügung stehender Valuta extrem limitiert und schwierig waren. 

Praktische Erfahrungen in der ersten Jahren der Zusammenarbeit vermittelten auch die Erkenntnis, dass bei Nomenklaturpositionen die Exporterwartungen nicht immer realistisch waren. Die Praxis zeigte, dass die Aufnahme einer Entwicklung in die Nomenklatur des ESER oder des SKR zwar eine notwendige aber durchaus nicht hinreichende Bedingung für einen zukünftigen Export oder Import dieses Erzeugnisses war, sondern die jeweilige Bilanzierbarkeit der Handelsvolumina in den zweiseitigen Handelbilanzen war die entscheidende Voraussetzung für die zu erwartenden und auch zu realisierenden Größenordnung des Exports oder Imports. Diese Bedingung überschattete die technischen und systemtechnischen Gegebenheiten und Erfordernisse der Kooperation im Rahmen eines nur als System praktisch nutzbaren Erzeugniskomplexes -wie elektromische Datenverarbeitungssysteme- aus Komponenten die in verschiedenen Ländern hergestellt werden.

 

Die Dienststellung des Chefkonstrukteurs der DDR im ESER veränderte sich in der DDR mehrfach. Sie konnten aber auf wesentliche DDR- Entscheidungen im Rahmen der MRK stets Einfluss nehmen. Wie sehen Sie rückblickend diese Prozesse?

 

Im Rat der Chefkonstrukteure des ESER, insbesondere in den Spezialistenräten, gingen die Arbeitsthemen immer stärker in technische Details und deren Führung. Die Aufgabe des DDR- Chefkonstrukteurs im Rat der Chefkonstrukteure war nach Abschluss der relativ eindrucksvollen und erfolgreichen Startphase mit der erforderlichen aktuellen Kompetenz dauerhaft aus einer Dienststellung im Ministerium nicht mehr hinreichend zu gewährleisteten. In dieser Phase entschied der Minister für Elektrotechnik und Elektronik der DDR und Leiter des DDR-Teils der MRK- Rechentechnik, Ottfried Steger, in voller Übereinstimmung mit Dr. Günther, die Verantwortung des Chefkonstrukteurs der DDR im ESER dem Direktor für Forschung und Entwicklung des Kombinates Robotron zu übertragen. Wenige Jahre später wurde die Funktion des Chefkonstrukteurs der DDR für das ESER dann aus gleichen Überlegungen heraus dem Direktor des ESER- Entwicklungszentrums in Karl- Marx- Stadt übertragen.

 

Dr. Günther wurde in diesem Zusammenhang vom Minister EE zum Stellvertreter des Leiters des DDR- Teil der Mehrseitigen Regierungskommission - Rechentechnik berufen. Diese Funktion nahm er  bis zur Auflösung des DDR-Teils der MRK- Rechentechnik mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland wahr.

 

 

Mit diesem Gespräch spannte sich nicht nur ein Zeitrahmen über 40 Jahre, sondern auch über 3 Generationen Chefkonstrukteure der DDR im ESER- ein äußerst instruktives Gespräch.

 

 

 

© Dr.Jungnickel

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